Executive Summary:

Der Anker bestimmt die Wahrnehmung des Preises.


Der Anchoring Bias beschreibt ein Wahrnehmungsphänomen, bei dem Menschen sich stark an einem ersten Referenzwert orientieren. Dieser Anker beeinflusst, wie alle folgenden Preise bewertet werden.

Ein höherer Referenzpreis kann ein Angebot günstiger erscheinen lassen, während derselbe Preis ohne Vergleich deutlich teurer wirkt.

Das Citylights-Insight zum Anchoring Bias zeigt, dass Preisentscheidungen selten absolut getroffen werden. Sie entstehen fast immer im Vergleich zu einem zuvor wahrgenommenen Referenzwert.

Beobachtung

Menschen glauben oft, sie könnten Preise objektiv einschätzen. In der Praxis geschieht das selten. Bewertungen entstehen fast immer im Vergleich zu einem Referenzwert.

Ein Preis wirkt deshalb nicht absolut günstig oder teuer, sondern relativ zu dem Wert, den ein Mensch zuvor gesehen hat.

Der erste wahrgenommene Wert wird zum Anker.

Alle folgenden Informationen werden daran gemessen.

Wie wir Relationen wahrnehmen, anstelle von konkreten Werten.

Eine einfache Analogie zum Alltag

Wahrnehmung funktioniert nicht absolut. Sie funktioniert im Vergleich. Du kannst keine Temperatur bestimmen, aber ob ein Gegenstand kälter oder wärmer ist als deine Hand:

30 °C können kühl wirken, wenn man gerade aus der Sauna kommt – und warm erscheinen, wenn man zuvor bei –10 °C draußen war.

Genauso funktioniert auch Preiswahrnehmung. Der erste Wert wird zum Referenzpunkt, an dem alle folgenden Angebote gemessen werden.

Wissenschaftlicher Hintergrund

Der Anchoring Bias gehört zu den bestuntersuchten Effekten der Verhaltensökonomie.

Die Psychologen Daniel Kahneman und Amos Tversky beschrieben ihn bereits in den 1970er-Jahren. In ihren Experimenten zeigte sich, dass Menschen ihre Schätzungen stark an einem zuvor präsentierten Wert orientieren – selbst dann, wenn dieser Wert zufällig gewählt wurde.

Teilnehmer sahen zunächst eine zufällig erzeugte Zahl aus einem Glücksrad. Anschließend sollten sie schätzen, wie viele afrikanische Staaten Mitglied der Vereinten Nationen sind.

Die zufällige Zahl hatte keinen Bezug zur Frage.

Trotzdem lagen die Schätzungen der Teilnehmer deutlich näher an diesem Wert.

Der zuvor gesehene Wert wurde zum mentalen Anker.

Mechanismus

Der Effekt entsteht durch zwei typische Eigenschaften menschlicher Entscheidungen:

1. Referenzpunkte reduzieren Komplexität

Das Gehirn nutzt Vergleichswerte, um schnelle Urteile zu treffen.

2. Anpassung erfolgt nur unvollständig

Menschen korrigieren den Anker zwar – aber meist nicht weit genug.

Der erste Wert bleibt deshalb ein stabiler Orientierungspunkt.

Strategische Bedeutung

Der Anchoring Bias zeigt eine zentrale Realität der Preispsychologie:

Der erste wahrgenommene Wert prägt die gesamte Bewertung eines Angebots.

Käufer fragen selten: „Ist dieser Preis objektiv günstig?“

Sie fragen unbewusst: „Ist dieser Preis günstiger oder teurer als das, was ich zuvor gesehen habe?“

Das Citylights-Insight zum Anchoring Bias macht sichtbar, dass Preiswahrnehmung weniger von Zahlen abhängt als vom Kontext, in dem diese Zahlen erscheinen.

Besonders deutlich wird der Anchoring Bias bei großen Kaufentscheidungen wie Immobilien oder Autos. Der erste Preis, den Käufer sehen, wird schnell zum Referenzwert. Selbst wenn später verhandelt wird, bewegen sich viele Entscheidungen in der Nähe dieses ursprünglichen Ankers.

Beispiele im Markt

Anchoring begegnet Kunden täglich:

Premiumprodukte als Referenz

Ein sehr teures Modell lässt andere Varianten günstiger wirken.

Durchgestrichene Preise

Ein früherer Preis bildet den Referenzanker für den neuen Preis.

Preisstaffeln

Mehrere Preisstufen helfen Käufern, den Wert einzuordnen.

In allen Fällen entsteht die Bewertung durch Vergleich, nicht durch absolute Einschätzung.

Experiment aus der Immobilienforschung

Der Effekt zeigt sich auch bei erfahrenen Experten.

In einer bekannten Studie erhielten Immobilienmakler identische Objektunterlagen zu einem Haus. Der einzige Unterschied war der angegebene Angebotspreis.

Die Makler sollten den Marktwert schätzen und eine Verkaufsempfehlung geben.

Das Ergebnis:

  • Makler, die einen höheren Angebotspreis sahen, schätzten den Marktwert deutlich höher ein.
  • Makler mit einem niedrigeren Anker bewerteten dasselbe Haus niedriger.

Besonders bemerkenswert:

Viele Makler erklärten anschließend, der Angebotspreis habe ihre Einschätzung nicht beeinflusst. - Die Daten zeigten das Gegenteil.

Beispiele aus der Praxis

Immobilienkauf

Der erste Angebotspreis wird häufig zum Referenzwert für die gesamte Verhandlung.

Ein Haus wird beispielsweise mit 520.000 € inseriert und später für 495.000 € verkauft. Viele Käufer empfinden das als guten Deal.

Würde das Objekt jedoch direkt für 495.000 € angeboten, könnte derselbe Preis deutlich weniger attraktiv wirken.

Der Unterschied liegt im gesetzten Anker.

Anker beim Autokauf

Beim Autokauf entsteht der Anker oft durch höher ausgestattete Modelle.

Ein Kunde sieht zunächst ein Fahrzeug für 68.000 €.

Danach wirkt eine Variante für 54.000 € deutlich günstiger.

Würde der Käufer zuerst das Modell für 54.000 € sehen, könnte derselbe Preis deutlich höher erscheinen.

Der Referenzwert verändert die Wahrnehmung.

Einordnung im Citylights-System

Der Anchoring Bias gehört zu den grundlegenden Mechaniken der Angebots- und Preiswahrnehmung:

  • Anchoring Bias – Referenzwerte steuern Bewertung
  • Decoy-Effekt – zusätzliche Optionen verändern Präferenzen
  • Deal-Discovery-Effekt – entdeckte Angebote wirken wertvoller
  • Bewertungsmechanik – soziale Orientierung reduziert Unsicherheit

Gemeinsam zeigen diese Mechaniken, dass Kaufentscheidungen selten isoliert entstehen. Sie entstehen aus Vergleich, Kontext und Wahrnehmung.

FAQ Anchoring Bias (Ankereffekt)

Der Anchoring Bias beschreibt die Tendenz von Menschen, sich bei Entscheidungen stark an einem ersten wahrgenommenen Wert zu orientieren. Dieser sogenannte Anker dient als Referenzpunkt für alle weiteren Bewertungen. Preise oder Angebote wirken deshalb günstiger oder teurer, je nachdem welcher Vergleichswert zuvor gesehen wurde. Das Citylights-Insight zum Anchoring Bias zeigt, dass Kaufentscheidungen selten absolut getroffen werden, sondern meist relativ zu einem ersten Referenzwert.

Ein häufiges Beispiel ist ein durchgestrichener Originalpreis. Wird ein Produkt zunächst mit 1.200 € angezeigt und anschließend für 799 € angeboten, wirkt der zweite Preis besonders attraktiv. Der höhere Betrag fungiert als Referenzanker und beeinflusst die Wahrnehmung des Angebots. Derselbe Preis kann ohne diesen Vergleich deutlich teurer wirken.

Menschen nutzen Referenzpunkte, um Entscheidungen schneller zu treffen. Der erste Preis, den Käufer sehen, wird automatisch zum mentalen Vergleichswert. Alle weiteren Preise werden relativ zu diesem Anker bewertet. Das Citylights-Insight zum Anchoring Bias zeigt, dass Preiswahrnehmung deshalb stark vom Kontext und weniger vom absoluten Betrag abhängt.

Unternehmen setzen gezielt Referenzpreise ein, um Angebote einzuordnen. Beispiele sind Premiumprodukte als Vergleich, unverbindliche Preisempfehlungen, Preisstufen oder durchgestrichene Originalpreise. Diese Anker helfen Kunden, den Wert eines Angebots schneller zu bewerten.

Ja. Der Anchoring Bias gehört zu den bekanntesten Effekten der Verhaltensökonomie und wurde unter anderem von Daniel Kahneman und Amos Tversky untersucht. Ihre Forschung zeigt, dass selbst zufällige Zahlen die Bewertung späterer Entscheidungen beeinflussen können.

Ohne Vergleich wird ein Preis isoliert bewertet. Sobald jedoch ein höherer Referenzpreis vorhanden ist, wirkt derselbe Betrag deutlich attraktiver. Das Citylights-Insight zum Anchoring Bias zeigt, dass Preiswahrnehmung stark vom Kontext abhängt.

Über den Autor:

Torsten Rittinghaus

Inhaber und Head of Brand Strategy der Citylights Werbeagentur in Northeim. Citylights entwickelt Marketing-, Marken- und Vertriebsstrategien für Unternehmen aus dem Mittelstand,  der Industrie und dem Handwerk in der D-A-CH-Region. Sie verbinden langjährige Vertriebspraxis mit Markenstrategie und Marktpsychologie. Entscheidungen werden nicht nur aus Sicht der Kommunikation betrachtet, sondern auch aus Sicht von Vertrieb, Wahrnehmung und realen Kaufentscheidungen.  Bereits während seines BWL-Studiums an der Georg-August-Universität Göttingen (Schwerpunkt Marketing) arbeitete er im Vertrieb und baute seit 1990 für verschiedene Unternehmen bundesweite Verkaufsstrukturen auf. Seit 1996 ist er vollständig in der Werbe- und Kommunikationsbranche tätig. Seine Analysen beschäftigen sich mit Wahrnehmung, Vertrauen und den wirtschaftlichen Aspekten. Neben seiner praktischen Arbeit veröffentlichte er Fachartikel in Branchen- und Fachmedien.

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